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17.3.26

Schwetzingen

Jugendstil im Dialog

Doppel-Vortrag zu Walter Lilie und Josef Kaspar Sattler

(tisw) Großes Interesse fand ein besonderer Abend der Reihe „Museum frei Haus“ des Museums der Stadt Schwetzingen. Anlass war der 150. Geburtstag des Malers Walter Lilie (1876-1924), der seine letzten Lebensjahre in Schwetzingen verbrachte. In einem Doppel-Vortrag wurde sein Leben und Werk gemeinsam mit dem des Grafikers und Buchillustrators Josef Kaspar Sattler beleuchtet – zwei Künstler, die auf unterschiedliche Weise den Geist der Zeit um 1900 prägten.

Dr. Barbara Gilsdorf, Lars Maurer, Claudia Freitag-Mair und Jana Garbrecht (v.l.n.r.) begutachten das von Walter Lilie entworfene Werbeplakat für den Schwetzinger Schlossgarten. Dr. Barbara Gilsdorf, Lars Maurer, Claudia Freitag-Mair und Jana Garbrecht (v.l.n.r.) begutachten das von Walter Lilie entworfene Werbeplakat für den Schwetzinger Schlossgarten.

Foto: Stadt Schwetzingen.

Museumsleiter Lars Maurer begrüßte die Gäste und moderierte den Abend, der bewusst dialogisch angelegt war. Die beiden Referentinnen, die Kunsthistorikerinnen Claudia Freitag-Mair und Dr. Barbara Gilsdorf, wechselten sich in ihren Beiträgen immer wieder ab, griffen Gedanken der jeweils anderen auf und stellten Bezüge zwischen den beiden Künstlern her. Dadurch entwickelte sich ein lebendiger Vortrag, der nicht nur kunsthistorische Fakten vermittelte, sondern auch den kulturellen Kontext der Zeit anschaulich machte.

Zu Beginn richtete Jana Garbrecht, Beauftragte für die Städtepartnerschaften der Stadt Schwetzingen, ein Grußwort an das Publikum. Sie erinnerte an die Verbindung zwischen Schwetzingen und Schrobenhausen und betonte, dass kulturelle Veranstaltungen wie dieser Vortrag die historische und künstlerische Verbindung zwischen beiden Städten sichtbar machen.

Claudia Freitag-Mair, Museums- und Kulturamtsleiterin der Stadt Schrobenhausen, widmete sich in ihrem Beitrag dem Leben und Werk von Josef Kaspar Sattler, der 1867 in Schrobenhausen geboren wurde und um 1900 zu den international bekannten Grafikern seiner Zeit gehörte. Als Zeichner, Aquarellist und vor allem als Gestalter von Exlibris – kunstvollen Bücherzeichen – erlangte er große Anerkennung. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen historischer Inspiration und moderner Formensprache. Besonders deutlich wird dies in seinen Illustrationszyklen zu Themen wie den Bauernkriegen oder den Wiedertäufern, in denen er sich intensiv mit der Bildwelt des Mittelalters und der Renaissance auseinandersetzte. Zugleich entwickelte er eigene, unverwechselbare grafische Bildwelten. Internationale Aufmerksamkeit erlangte Sattler nicht zuletzt durch seine Arbeit für die Kunst- und Literaturzeitschrift Pan, eines der wichtigsten Organe des Jugendstils in Deutschland. Zu seinen bedeutendsten Projekten zählt die monumentale Illustration des Nibelungenliedes, für die er nicht nur die Bilder, sondern auch Typografie, Initialen und Gestaltung des gesamten Buches entwarf – ein Beispiel für das im Jugendstil angestrebte Gesamtkunstwerk.

Dr. Barbara Gilsdorf, Kulturreferentin der Stadt Schwetzingen, stellte wiederum den Maler Walter Lilie vor. Der 1876 in Leipzig geborene Künstler stammte aus einer literarisch geprägten Familie und zeigte früh eine künstlerische Begabung. Nach Studienjahren in Dresden führten ihn gesundheitliche Probleme immer wieder zu längeren Aufenthalten in den Süden und in die Alpen. Diese Reisen prägten sein Werk nachhaltig: Landschaften, Porträts und Naturstudien verbinden bei ihm realistische Darstellung mit einer symbolischen, oft stimmungsvollen Bildsprache. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Lilie in Schwetzingen, wohin er 1920 mit seiner Frau zog. Hier entstanden zahlreiche Arbeiten mit Motiven aus dem Schlossgarten. In farbintensiven Ölgemälden und Lithografien hielt er die barocke Gartenanlage fest und schuf zugleich Auftragsarbeiten wie ein Werbeplakat für den Schlossgarten oder Entwürfe für Notgeldscheine. Trotz seiner angeschlagenen Gesundheit entwickelte Lilie in dieser Zeit eine bemerkenswerte künstlerische Produktivität.

Der Vergleich beider Künstler zeigte sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede. Beide arbeiteten in einer Zeit des kulturellen Umbruchs um 1900 und griffen Elemente des Jugendstils auf. Während Sattler vor allem als Grafiker und Buchkünstler tätig war und seine Arbeiten vielfach reproduziert wurden, arbeitete Lilie stärker als Maler und schuf zahlreiche Einzelwerke. Auch biografisch unterschieden sich ihre Lebenswege deutlich. Der dialogische Aufbau des Abends machte diese Unterschiede und Verbindungen besonders anschaulich. Gleichzeitig wurde deutlich, dass beide Künstler zu Lebzeiten hohes Ansehen genossen, später jedoch weitgehend in Vergessenheit gerieten. Mit dem Doppel-Vortrag gelang es, zwei heute weniger bekannte Künstlerpersönlichkeiten der Jahrhundertwende wieder in den Blick zu rücken und ihre Bedeutung für die Kunst- und Kulturgeschichte sichtbar zu machen.

Die Rallyebögen sind in der Tourist-Information Schwetzingen oder unter https://www.visit-schwetzingen.de/entdecken/gaestefuehrungen erhältlich.

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